Lissabon also. Paris des Südens, Hautpstadt der Melancholie, San Fransisco Europas. Ende Dezember endlich konnte ich mich auf den Weg machen und war vom ersten Augenblick an verzaubert. Liegt das an der salzhaltigen Luft, die der Antlantik häufig in ordentlichen Windböen durch die Stadt weht? An den paffenden Kohleofen, in denen Kastanien geröstet und auf der Straße verkauft werden? An den hübschen schwarz-weissen Pflastersteinen, die in immer neuen Mustern die Innenstadt durchziehen? Ich fühlte mich an Lisbon Story erinnert, wo der Protagonist im komplett leeren Haus seines Freundes ankommt und sich trotzdem sofort heimisch fühlt. Ein Gutteil sind es auch die Menschen, die so offen und freundlich jeden Fremden willkommen heißen – und sich nicht darum scheren, ob er ihre Sprache versteht, sondern einfach drauflos erzählen. Das kann manchmal zu herrlichen Missverständnissen führen, über die sich am Ende alle gemeinsam kaputtlachen.

Und wieder einmal zeigte sich, wie sehr Essen die Menschen verbindet: Selten habe ich so viel über Essen gesprochen und so viel verschiedenes und neues probiert wie in Lissabon. Den Italienern sagt man ja nach, dass sie auch gerne übers Essen reden, doch ich bin sicher, dass sie darin von den Portugiesen noch getoppt werden. Umso besser für mich, denn so bekam ich allerhand Tipps, was ich wo noch probieren solle und dass ich ohne dies und jenes zu kosten, nicht fahren dürfe.

Beeindruckt hat mich dabei vor allem die Auswahl an Gebäck und Süßsspeisen, die selbst in einer kleinen Bäckerei mehrere Meter Ladentheke einnehmen. Bei vielem wird die Vorliebe für Eigelb deutlich und häufig noch ist der Einfluss der verschiedenen Besatzungsmächte zu erkennen: der Araber (das ist sehr lange her), der Franzosen (ein bisschen kürzer) und am jüngsten wohl der englische Einfluss. Vielleicht war es dieser, der die Pasteis de Nata entstehen liess: die Füllung besteht in der Regel aus einer Crème Anglaise (dem klassischen Custard) mit reichlich Eigelb und Milch.

Am berühmtesten wohl ist die Variante des westlichen Flussufers: die “Pasteis de Belen”. In der Nähe des Klosters werden dort seit Ende des 19. Jahrhunderts täglich viele Tausend Törtchen nach einem streng geheimen Rezept gebacken. Um die Herkunft des Rezepts weben sich allerlei Sagen, doch allen ist gemein, dass bis heute nur eine einzige Person das Rezept kennt und die Vergabe des Rezepts unter Androhung drastischer Strafen untersagt ist. Mir macht das wenig, so lange sich die Qualität nicht ändert: denn diese ist wirklich hervorragend. Frisch aus dem Ofen werden die kleinen Törtchen mit dem Blätterteigboden serviert. Dieser ist eher ein Filoteig als ein klassischer französischer Millefeuille, unglaublich knusprig und mit einer noch warmen Füllung serviert. Dazu wird gemahlener Zimt und Puderzucker gereicht, wovon man sich ordentlich auftun sollte, um den lokalen Gepflogenheiten gerecht zu werden. Je nach Tageszeit und Geschmack bestellt man sich noch “uma bica” (das Äquivalent zum café solo in Spanien, in etwa ein Espresso) oder einen Kaffee mit Milch. Wer Lust auf etwas herzhaftes hat, sollte die belegten hausgebackenen Brötchen probieren, die ebenfalls großartig sind.

Wer sich nicht in den großen, mit weiss-blau bemalten Kacheln dekorierten Gewölben niederlassen möchte, kann sich vorne im Verkaufsraum die Törtchen in Spezialverpackungen zum Mitnehmen präparieren lassen. Der Raum an sich ist ein Traum: er sieht aus, als stamme er noch vom Tag der Eröffnung 1837 und die Chancen stehen gut, dass dem tatsächlich so ist. Wenn die Sonne scheint, laden die Gärten entlang des Flusses zu einem Picknick ein – doch die Törtchen sind so verlockend, dass sie den Weg über die Straße vermutlich eh nicht überleben. (Übrigens gibts im ersten Buch von Jamie Oliver ein Rezept für “Portugiese Chocolate Tarts”, das er kreiert hat nach zahlreichen Versuchen, die Törtchen nachzubacken!)

Pasteis de Belèm
Rua de Belém, 84-92 (Anreise entweder von Lissaboner Seite per Straßenbahn oder Bus; von der anderen Flusseite mit der Fähre nach Belém)
1300-085 Lisboa
0035-1 21 363 7423
http://www.pasteisdebelem.pt (auf portugiesisch, Öffnungszeiten auch auf Englisch)

In eine komplett andere Welt führt “A Outra Face da Lua“, ein Mix aus Second-Hand-Laden und Café in der Lissaboner Innenstadt. Neben ausgesuchten und gut geordneten Vintage-Klamotten vor allem aus den 50ern, 60ern und 70ern haben ein paar junge Leute ein paar hübsche Stühle und Tische gestellt und bieten Quiches, Salat und Kuchen, um sich vom Shoppen auszuruhen. Die Preise sind für Lissabon nicht billig (7-9 Euro), für deutsche Verhältnisse aber im unteren Preissegment. Als Vegetarier sollte man einmal mehr fragen, was denn nun drin ist in den Quiches, sonst muss man sich die Schinkenstückchen mühsam rauspiddeln. Die Bedienung berät aber sehr nett und ausführlich und wer sich auf exotische Kräuterteesorten einlassen möchte, ist hier bestens beraten.

A outra Face da Lua
Rua da Assunção, 22
1100-044 Lisboa
Telf: 21 886 34 30
Fax: 21 886 31 68
baixa@aoutrafacedalua.com

Ansonsten ist Suppe in jeglicher Form in Lissabon omnipräsent. Nicht zuletzt deshalb gibt es zahlreiche Suppenküchen, auch eine Kette, die unter anderem in den Einkaufszentren zu finden ist. Doch selbst dort wird außerordentliche Qualität geboten – und wo bekommt man schon einen riesigen Teller Suppe für 2,90 Euro? Oft wird aber auch in den Bars oder Kantinen Suppe gereicht, dazu oder alternativ schmeckt “uma tosta”, ein Toast, der mit Käse oder Schinken oder beidem übergrillt und sehr günstig angeboten wird.

Ein recht großes vegetarisches Angebot (wenn auch erstmal gewöhnungsbedürftig, weil sehr Soja-lastig) bietet ein Laden in der Rua do Primeiro de Dezembro, direkt gegenüber des Hinterausgangs von Nicolas an der Praca Dom Pedro IV. Eher Kantine als Restaurant kann man zwischen verschiedenen Standard- und einigen Tagesgerichten wählen. Die Soja-Erzeugnisse sind kein Schnäppchen (ab5 Euro) und ich persönlich finde sie auch nicht so lecker und habe deswegen die Suppe (1,20) gewählt und einen Salat (ab ca. 3 Euro) , der sehr üppig war. In der gleichen Straße ist auch ein gut sortierter Mix aus Bioladen und Reformhaus.
Für den Kaffee nach dem Essen geht man dann entweder direkt zu Nicolas, noch besser überquert man aber die Praca Dom Pedro IV und kehrt ein in das Casa Suiza. Dort muss man sich entscheiden, ob man draussen, drinnen im bedienten Bereich oder an der Theke sitzen möchte. Letztere ist am günstigsten, doch muss man dort im Voraus bezahlen – was aber gar nicht so schlecht ist, weil man ohnehin die Theken entlang schlendert, um sich zwischen den vielen Süßgebäcken zu entscheiden. Wie hier ist es auch andernorts üblich, dass die Bica an der Theke 40-70 cent, in der Bedienung aber 1-1,20 Euro kostet. Sehr schön finde ich, dass dort genauso wie in vielen Restaurants, viel frisches Obst angeboten wird.

Casa Suiza
Praca Dom Pedro IV, 96-104
1100-202 Liboa
Tel. 0035-213 214 090

Für den nächsten Kaffee sollte man “A Brasileira do Chiado” nicht verpassen- ein Café/Bar, in dem zahlreiche Schrifsteller des letzten Jahrhunderts gerne und viel abhingen. Sehenswert ist dort vor allem auch die Tabakverkäuferin, die rechterhand in einem winzigen Kabuff sitzt, bei dem man sich fragt, wie sie sich bei ihrer Körperfülle dort drin überhaupt noch bewegen kann. Aufpassen sollte im A Brasileira ebenso wie in anderen Cafés darauf, dass man die Chronologie der Wartenden nicht stört: Häufig sind schon andere Gäste Anwärter auf einen Tisch und sitzen an der Theke, weshalb man nicht gleich erkennt, dass der ins Visier genommene bald freie Platz doch schon vergeben ist.

A Brasileira do Chiado
Rua Garrett, 120
Av. Duque de Loulé, 51
1050-087 Lisboa
0035-213469541
Öffnungszeiten: Täglich von 08:00 bis 02:00

Wem eher nach Tee ist, sollte sich das Vertigo nicht entgehen lassen. In einem mit Liebe zum Detail eingerichteten Raum mit freigelegtem Gemäuer wird frisch aufgebrühter Tee in Kannen serviert, die ihrem Namen gerecht werden: wie zuhause erhält jeder Teebesteller eine große Teekanne mit mindestens einem dreiviertel Liter Inhalt. Die Preise wiederum könnten ziviler nicht sein: 3 Euro sind dafür zu berappen. Es gibt außerdem Kuchen und Quiche und eine schöne Weinkarte.

Vertigo
Travessa do Carmo, 4
Tel. 0035-21 343 3112
www.vertigocafe.net

Ach ja: Auf der Hinfahrt hatte mein Koffer 11kg, auf der Rückfahrt 21 kg. Käse, Kaffee, Wein und so. Sehr lecker.